Liebe Besucher,
ich habe diese Website ins Leben gerufen, um John Maynard Keynes und sein geniales Meisterwerk, die General Theory, gegen falsche Auslegungen zu verteidigen. Oftmals wird die der Name Keynes heute auf "Deficit Spending" reduziert, ohne die facettenreichen Wirtschaftstheorie des Briten in ihrer Gesamtheit zu würdigen.
John Maynard Keynes Angriff auf die Postulate der klassischen Ökonomie
Es gibt wohl kaum einen Ökonomen, dessen Namen so oft zitiert wurde wie der von John Maynard Keynes und dessen Namen auch noch nach mehr als 70 Jahren nach Veröffentlichung seines Hauptwerkes regelmäßig in allen wichtigen Tageszeitungen zu lesen ist. Keynes startete 1936 eine Revolution, indem er die Grundsäulen der klassischen Wirtschaftstheorie einriss und es innerhalb kürzester Zeit schaffte, die intelligentesten Köpfe der Profession auf seine Seite zu ziehen. Selbst einer seiner härtesten Kritiker, Joseph Schumpeter, gab dem Briten kurz vor seinem Tod den Ritterschlag, indem er Keynes Theorie zur Erklärung depressiver Wirtschaftsphasen akzeptierte. Eine wirtschaftswissenschaftliche Arbeit, die sich mit der Konjunkturtheorie und der angemessenen Reaktion des Staates beschäftigt, sollte Keynes deshalb nicht ignorieren und sich mit seinen Thesen auseinandersetzen. Der Name Keynes polarisiert. Paul Krugman forderte jüngst in einem Artikel die Rückbesinnung auf die Theorien von Keynes und stempelte die makroökonomischen Forschungen der letzten Jahrzehnte als Misserfolg ab. Lucas und Sargent hingegen wählten 1978 keine freundlichen Worte, um dessen Werk zu beschreiben. Die beiden Begründer der "Rationale Erwartungen Hypothese" bezeichneten Keynes Vorhersagen als weitgehend falsch und seine theoretische Doktrin als vollkommen fehlerbehaftet.
Als Geburtsstunde der klassischen Nationalökonomie gilt das Veröffentlichungsjahr von Adam Smiths "Wohlstand der Nationen" 1776. Ein weiterer Meilenstein ökonomischen Denkens lieferte David Ricardo 1817 mit "Principles of Political Economy and Taxation" und der Formulierung des komparativen Vorteils. Die tragenden Fundamente der so genannten klassischen Ökonomen waren die Entdeckung des Preismechanismus, sowie die von Jean-Baptiste Say erlangte Erkenntnis, dass sich ein Angebot seine Nachfrage selber schaffen würde. Dieses gedankliche Grundgerüst wurde von Leon Walras, Alfred Marshall (Angebot- und Nachfragekurven), Carl Menger (Grenznutzenprinzip) – um einige der bekanntesten Ökonomen zu nennen - mathematisch zugänglich gemacht. Wir wollen die ökonomische Lehre vor John Maynard Keynes im Folgenden als klassische Wirtschaftstheorie oder ganz einfach Klassik bezeichnen. Die überragende Leistung der Klassiker war es, die "unsichtbare Hand" von Adam Smith, der den Marktmechanismus noch intuitiv zu deuten wusste, wissenschaftlich greifbar zu machen. In einer Wettbewerbsökonomie, die von Nutzen maximierenden Haushalten und Gewinn maximierenden Unternehmen bevölkert wird, sorgt der Preismechanismus dafür, dass sich Angebot und Nachfrage treffen. Die Märkte sind geräumt und im Gleichgewicht erfolgt die Entlohnung der Produktionsfaktoren mit ihren Grenzprodukten. Jede Abweichung der Preise setzt ökonomische Anpassungsmechanismen in Gang, die unweigerlich dazu führen, dass sich die Ökonomie wieder im Gleichgewicht einpendelt, wie erstmals Walras formal mit der Figur des Walrasschen Auktionators beweisen konnte.
Basierend auf diesem Theoriegebäude war es nicht verwunderlich, dass die Politikempfehlung der Neoklassiker lautete: "Laissez-faire". Der Staat solle sich aus dem Wirtschaftstreiben heraushalten. Das Marktergebnis entspricht dem bestmöglichen Einsatz aller Faktoren. Die einzige Aufgabe des Staates ist es einen institutionellen Rahmen vorzugeben. Die Politik sollte sich also - in der Sprache der Klassiker – um die aggregierte Angebotsfunktion kümmern. Es herrschte ein breiter Konsens unter allen klassischen Ökonomen, dass die aggregierte Nachfrage ignoriert werden könne. Das Postulat von Ricardo eroberte England so wie die "Heilige Inquisition Spanien". Die aggregierte Nachfrage verschwand laut Keynes komplett aus der Literatur und wird in den Werken der klassischen Koryphäen zu Keynes Zeiten (Marshall, Edgeworth und Pigou) mit keinem einzigen Satz erwähnt.
Diese klassische Sichtweise der Wirtschaft, mit der Keynes zum Zeitpunkt der Erstellung seiner Arbeit konfrontiert war, bot keine Erklärung für die verheerende Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1933. Von ihrem Höhepunkt im Jahr 1928 brach die Industrieproduktion in Deutschland von 84,3 Mrd. RM auf 38,0 Mrd. RM im Jahr 1932 ein, was einem gewaltigen Rückgang von 55 Prozent entspricht. In anderen Industriesektoren waren die Einbrüche sogar noch gewaltiger. Die Lastkraftwagenproduktion schrumpfte um kaum vorstellbare 76 Prozent. Im Februar 1932 waren in Deutschland über 6 Millionen Menschen arbeitslos. Die Regierung Brüning reagierte auf diese Krise mit einer massiven Kürzung der Staatsausgaben, um das sich ständig vergrößernde Defizit einzudämmen. Um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen setzte Reichskanzler Brüning auf eine Deflationspolitik. Löhne und Gehälter wurden gesenkt mit dem Ziel die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeit anzukurbeln. Vergeblich!
Angesichts dieser Erfahrungen kann man den überragenden Erfolg von John Maynard Keynes und seiner "General Theory" gut nachvollziehen. Gleich zu Beginn des Buches entzieht Keynes der Klassik ihr logisches Fundament und spottet: "Die klassischen Theoretiker gleichen euklidischen Mathematikern in einer nichteuklidischen Welt, die entdecken, dass scheinbar parallele gerade Linien in Wirklichkeit sich oft treffen, und denen kein Mittel gegen die sich ereignenden bedauerlichen Zusammenstöße einfällt, als die Linien zu schelten, dass sie nicht gerade bleiben. Und trotzdem gibt es in Wahrheit kein anderes Mittel, als das Parallelenaxiom über den Haufen zu werfen und eine nichteuklidische Geometrie auszuarbeiten. Etwas Ähnliches wird heute in der Wirtschaftslehre benötigt. Wir müssen das zweite Postulat der klassischen Doktrin aufgeben und das Verhalten eines Wirtschaftssystems ausarbeiten, in dem unfreiwillige Arbeitslosigkeit im strengen Sinn des Wortes möglich ist."
Keynes bezeichnet die Postulate der klassischen Wirtschaftstheorie als einen Sonderfall, der nur als "Spezialfall der möglichen Gleichgewichtslagen" auftritt und stellt diesem Sonderfall eine "allgemeine Theorie" gegenüber, die eine Erklärung für die vorherrschenden wirtschaftlichen Verhältnisse bietet. Konkret stützt sich die klassische Theorie auf zwei wichtigen Säulen, deren Zusammenbrechen das gesamte Theoriegebäude einstürzen lassen.
Die erste Säule ist das Theorem von Says, demnach sich das Angebot immer seine eigene Nachfrage schafft. Um die Sichtweise der klassischen Ökonomie bezüglich des Sayschen Theorems herauszuarbeiten, zitiert Keynes aus den Werken von John Stuart Mills, Alfred Marschall und Arthur Cecil Pigou. Jeder Verkäufer oder Produzent eines Gutes ist gleichzeitig auch ein Käufer. Eine Verdopplung der Produktivitätskräfte eines Landes, philosophiert Mils, würde gleichzeitig sowohl das aggregierte Güterangebot als auch die aggregierte Güternachfrage verdoppeln. Dabei wird immer das gesamte Einkommen eines Menschen für den Kauf von Gütern ausgegeben, denn Sparen ist nach der Vorstellung von Marschall nichts anderes als der Konsum von Waren und Gütern, die zukünftig erst noch erzeugt werden müssen. An diesem klassischen Axiom realer Tauschhandlungen ändere sich auch nichts, so argumentiert Pigou, wenn Geld eingeführt wird. Geld mache keinen wirklichen Unterschied. Keynes schreibt süffisant: "Das zeitgenössische Denken ist von der Vorstellung durchtränkt, dass, wenn die Menschen ihr Geld nicht einer Weise ausgeben, sie es in einer anderen Weise ausgeben. Dabei sei die Annahme falsch, dass der Entschluss sich gegenwärtigen Konsums zu enthalten, gleichzusetzen mit der Entscheidung ist, für einen zukünftigen Verbrauch vorzusorgen.
Die zweite Säule ist die Theorie der Beschäftigung. Die, laut Aussage von Keynes, einzige umfassende Darstellung der Beschäftigungstheorie findet sich in Professors Pigous "Theory of Unemployment" aus dem Jahr 1933, in der zwei Grundpostulate hervorgehoben werden. "Der Lohn ist gleich dem Grenzertrag der Arbeit" und "der Nutzen des Lohnes ist, wenn eine gegebene Arbeitsmenge beschäftigt wird, gleich der marginalen Nutzeneinbuße durch Arbeit bei dieser Beschäftigungsmenge". Als direkte Implikation dieser Postulate dürfte es unfreiwillige Arbeitslosigkeit überhaupt nicht geben. Keynes zählt weitere Ungereimtheiten auf, wie etwa dass sich Arbeiter einer Kürzung ihrer Nominallöhne widersetzen, bei einem Steigen der Güterpreise hingegen keineswegs dazu tendieren, die Arbeit niederzulegen. Entgegen der klassischen Schlussfolgerung, geht das Arbeitsangebot nicht zurück, wenn bei konstanten Nominallöhnen die Güterpreise steigen.
Um diese beiden Säulen der Klassiker einzureißen, leitet Keynes aus dem Gewinnmaximierungskalkül der einzelnen Firmen sein Prinzip der effektiven Nachfrage ab. Bei gegebenem Stand der Technik und Faktorkosten wird ein Unternehmer die Höhe der Beschäftigung anhand seiner Erlöserwartungen wählen, die den Gewinn maximiert. Die Arbeitsmenge, die die Unternehmer in der Gesamtheit beschäftigen werden, hängt dabei von den voraussichtlichen Ausgaben des Gemeinwesens 1 D und der Höhe der Neuinvestitionen 2 D ab. Beide Beträge summiert ergeben die "effektive Nachfrage" D, die über die Höhe der Beschäftigung bestimmt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die voraussichtlichen Ausgaben des Gemeinwesens an der "Psychologie der Bevölkerung" oder, anders ausgedrückt, an der "Konsumneigung der Haushalte" orientieren. Die Höhe der Neuinvestitionen hängen vom "Anreiz zum Investieren" ab, der sich aus dem Verhältnis zwischen der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals und den Anleihezinssätzen bestimmt.
Der aggregierte Angebotswert der Produktion Z errechnet sich aus der Anzahl der beschäftigten Arbeiter N. Somit ergibt sich der Gleichgewichtszustand der Ökonomie als Schnittpunkt von aggregiertem Angebot und aggregierter Nachfrage. Der Kern von Keynes allgemeiner Theorie sagt aus, dass dieses Gleichgewicht von der Konsumneigung und von der Menge der Investitionen abhängt. Er dreht damit die Aussage des Saysschem Theorems quasi ins Gegenteil um. Seinem Modell nach bestimmt die effektive Nachfrage das Niveau der Beschäftigung. Das klassische Postulat der Vollbeschäftigung kann demnach nur in einem seltenen Spezialfall erfüllt sein, nämlich "wenn die Konsumneigung und der Anreiz zum Investieren in einem besonderen Verhältnis zueinander stehen." Keynes begründet nun ausführlich weshalb der Zinsmechanismus, der die Ersparnisse der Haushalte mit den Produktionsentscheidungen der Unternehmungen koordinieren soll, nicht funktioniert. Er leitet detailliert die verschiedenen Komponenten der Konsumneigung her und erklärt die Multiplikatorwirkung einer zusätzlichen Einheit staatlicher Nachfrage. An dieser Stelle sollen lediglich drei Gedankengänge von Keynes zu Themen aufgegriffen werden, die für den spätern Verlauf der Untersuchung relevant sein werden. Nämlich seine Überlegungen zu den Selbstheilungskräften des Marktes, den Finanzmärkten und dem Konjunkturzyklus.
Autor
Simon Betschinger